Tag 3 auf dem Filmfest Bremen Samstag ging sehr früh mit „Der Psycho Coach“ in der Schauburg los. Eine gelungene Komödie um einen Serienkiller im Ruhestand und einen Autor mit Eheproblemen. Der hochsympathische Regisseur Tolga Karaçelik war mit seiner bezaubernden Frau anwesend und ebenso unterhaltsam wie sein Film.
Keane ist ein Schriftsteller, dessen erstes Buch kein besonders großer Erfolg war, auch wenn er noch immer Stolz darauf ist, den 1. Preis eines universitären Lesezirkels gewonnen zu haben. Sein neues Buch soll von Urmenschen und Neandertalern in der Slowakei handeln. Kein Stoff mit Publikumsappel. Da trifft es sich gut, dass Keane eines Tages von einem Unbekannten angesprochen wird, der sich als Fan seines Erstlings zu erkennen gibt und Keane vorschlägt, doch seine Lebensgeschichte in Romanform zu bringen. Denn der Mann, der sich als Kollmick vorstellt, ist Serienkiller im Ruhestand. Und so nimmt eine Handlung voller Missverständnisse ihren Lauf. Denn während Kollmick Keane in die Feinheiten des Tötens einweist, gibt dieser Kollmick gegenüber seiner Frau Suzie als Eheberater aus, der die kriselnde Beziehung der Beiden kitten soll. Bald schon aber glaubt Suzie, Keane plane sie umzubringen, während der dank Kollmick Stress mit der lokalen Mafia bekommt.
Man sieht also, es ist viel los in dieser schwarzen Komödie, die man mit Fug und Recht als „crowd pleaser“ bezeichnen kann. Mit Steve Buscemi als Kollmick befindet sich auch ein bekannter Name in der Besetzung, was bei Festivals immer für viel Publikum sorgt. Und so war auch dieser Film ausgesprochen gut besucht. Angekündigt war er unter dem Originaltitel „Psycho Therapy” (Langtitel: Psycho Therapy: The Shallow Tale of a Writer Who Decided to Write About a Serial Killer) und so bekamen vermutlich die allerwenigsten mit, dass er auch zeitglich (sehr zum Ärger der Festivalsverantwortlichen) in der ARD-Mediathek als „Der Psycho-Coach“ zu sehen war.
„Der Psycho Coach“ ist der erste englischsprachige Film des türkischen Regisseurs und Drehbuchautoren Tolga Karaçelik, der diesen rasant und sehr humorvoll inszeniert. Er macht Spaß, auch wenn er dem Genre nur wenig hinzufügt. Aber er verlässt sich auf das Prinzip der fortwährenden Eskalation, was hervorragend funktioniert. Dies liegt auch an dem sehr guten Ensemble. Steve Buscemi hat sichtlich Freude an seiner Rolle als Serienkiller („Im Ruhestand!“) und John Magaro als verwuschelter Keane ist ein sympathischer Loser, den man gerne hat. Das Juwel ist allerdings Britt Lower als Keanes Ehefrau Suzie, die im Laufe des Filmes immer mehr eigene Abgründe offenbart.
Der Humor ist sehr schwarz, was einige im Publikum erschreckt hat, wenn hier mal ein Kopf zerplatzt oder dort jemand durchsiebt wird. Im Grunde fühlt man sich an die Zeit Mitte/Ende der 90er zurückversetzt, als der Erfolg von „Pulp Fiction“ eine ganze Reihe solcher Filme inspiriert hat. Ich hatte meine Freude.



Danach gab es eine lecker Pizza bei Vera Delizia, die so riesig war, dass ich fast „Bayaan“ im City46 verpasst habe. Tatsächlich kam wir an, als der Film gerade eben begonnen hatte. Leider war das Bild auf der Leinwand in diesen ersten Minuten sehr dunkel. Und erstmals musste ich bemerken, wie dunkel es dann im Kinosaal werden kann. So stolperte ich mehr oder weniger, immer eine Hand an der Wand nach vorne. Völlig ohne Orientierung, wo denn die Reihen anfangen und ob da überhaupt Menschen sitzen. Auch eine Erfahrung. Irgendwann entschieden wir uns dann für eine Reihe, scheuchten einige Leute auf, ich trat aus versehen und blind auf den einen oder andere Fuß dann ließ ich mich endlich im Kinosessel nieder. Als das Bild auf der Leinwand heller wurde, konnte man deutlich sehen, dass alle Reihen vor uns leer waren. Man hätte also nur einen Meter weiter gehen müssen und hätte sich das Spektakel erspart. Naja…
Die junge Kommissarin Roohi wird in eine kleine Stadt in Indien geschickt. Hier soll sie die Vorgänge um einen geheimnisvollen Brief aufklären. In diesem wird dem Kultführer Maharaj vorgeworfen, minderjährige Anhängerinnen seines Kultes systematisch zu missbrauchen. Roohi ist die Tochter eines erfolgreichen Polizeibeamten, der auf der Karriereleiter gerade auf dem Sprung nach ganz oben ist. Der Job ist für sie die Chance sich von ihm zu emanzipieren und gleichzeitig zu zeigen, dass sie eine gute Polizistin ist. Doch dies gestaltet sich schwierig, denn Roohi trifft auf eine Mauer des Schweigens. Maharaj wird hier, wie ein barmherziger Gott bedingungslos verehrt, und hat die Kontrolle nicht nur über die Mitglieder seines Kults, sondern auch die ganze Stadt, die von ihm abhängig ist. Dies betrifft auch die Beamtinnen und Beamten mit denen Roohi zusammenarbeiten muss. Nur langsam und mit viel Mühen und Anfeindungen, gelingt es Roohi ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.
„Bayaan“, was so viel wie „Erklärung“ bedeutet, beruht auf einer wahren Geschichte. Der Thriller gewährt nicht nur Einblicke in eine fremde Kultur, sondern seziert auch die Mechanismen von Macht und Einfluss. Maharaj ist nicht nur ein Bösewicht, sondern hat tatsächlich viel für die kleine Stadt und die Region getan. Für viele Bewohner*innen hat er ihr Leben zum Besseren gewandt, was aber auch dazu führt, dass man von ihm abhängig ist. Einmal an die Spitze der Macht gekommen, kann Maharaj handeln, wie er will – das von ihm geschaffene System von Günstlingen, männlich, aber vor allem auch weiblich, schützt ihn. Das muss Roohi auch in ihrem eigenen Team feststellen. Zudem herrscht auch „von oben“ Zweifel daran, ob Roohi nicht zu nah an den mächtigen und wichtigen Maharaj kommt. Und auch ihr eigener, hochangesehener Vater und ihr großes Vorbild stellt hier Karriere bei der Polizei über Integrität und möchte ihr den Fall entziehen.
Roohi kämpft also an mehreren Fronten und rennt sich wortwörtlich den Schädel ein. Nur langsam kann sie das Dickicht der Abhängigkeiten und des Glaubens an Maharaj durchdringen, und immer wieder wird sie zurückgeworfen. Es ist vor allem Huma Qureshi sehr präsenten und sensiblen Darstellung der Roohi zu verdanken, dass man immer mit ihr mitfiebert. Qureshi ist ebenso verletzlich, wie robust und entspricht nicht dem üblichen Klischee des Rookies, der sich beweisen muss. Dazu ist ihre Figur zu vielschichtig angelegt. Wie man hervorheben muss, dass dies für alle Charaktere in diesem Film gilt. Maharaj ist gütig und zuvorkommend – und da man seine Taten nie sieht, könnte man ihm schnell auf den Leim gehen. Man fühlt sich hier an solche Gurus wie Maharishi Mahesh Yogi oder Bikram Choudhury erinnert. Auch den Opfern fällt es schwer, ihr Schweigen zu brechen und sich von ihrem Guru abzuwenden.
Regisseur Bikas Ranjan Mishra entscheidet sich ab spätesten der Hälfte des Filmes, Genre-Konventionen zu folgen und Roohis Team zusammenzuschweißen, damit sie gemeinsam gegen Maharaj vorgehen und seinen Opfern eine Stimme zu geben. Einerseits orientiert sich der Film nun an westlichen Standards, andererseits ist er dadurch auch für ein westliches Publikum vorhersehbarer und einfacher zu konsumieren und Mishra weiß, die Spannungsschraube anzuziehen. Ein guter Film mit überzeugenden Schauspieler*innen, von denen vor allem Huma Qureshi mit ihrer zurückhaltenden, aber gleichzeitig selbstbewussten Darstellung glänzt.
Danach dann allein zurück in die Schauburg. Im kleinen Saal lief der russische Film „Sanding Dreams“. Ein Familiendrama mit leichtem magischem Realismus.
Der hochbegabte Student Pasha hat einen großen Traum: Er will unbedingt Teil eines internationalen Raumfahrtprogramms werden, denn das Weltall hat ihn schon immer fasziniert und begeistert. Tatsächlich steht Pasha kurz davor, seinen Traum verwirklichen zu können. Doch dann erhält er einen Brief aus seinem Heimatdorf. Seine Mutter kommt nicht über den Tod des Vaters hinweg und verbringt ihre Tage im Dämmerzustand und sein kleiner Bruder ist mit der Situation überfordert. Also macht sich Pasha auf den Weg in die Heimat. Das Dorf (eigentlich eine willkürliche Anhäufung einzelner Holzhäuser) liegt in der Nähe zum Meer inmitten einer wüstenähnlichen Umgebung, die die Häuser unter Sand zu vergraben droht. Pascha kümmert sich um seinen kleinen Bruder, der selbst ein genialer Bastler ist und übernimmt die Aufgabe mit dem Traktor der Familie die Häuser vom Sand zu befreien. Doch dann geschieht eine Katastrophe und Pasha weiß, dass er seine Familie nicht so einfach verlassen kann, um seinem Traum zu folgen.
Der russische Film von Anton Mamykin lebt vor allem von seinen Bildern und der in den magischen Realismus kippende Stimmung. Das Heimatdorf von Pasha, welches langsam unter dem Sand versinkt und immer wieder freigeschaufelt werden muss ist eine tolle Idee, die natürlich sehr zur Metapher taugt. Überhaupt die Landschaften. Die unendlichen, wüstenartigen Dünen und das Meer welches nicht so weit weg ist. Die Raketen, die von irgendwoher immer wieder aufsteigen und die skandinavischen Fischer, denen man die Gemälde der Mutter verkaufen will.
Dies alles fügt sich zu einem sehr stimmungsvollen Gesamtbild, welches allerdings ein etwas merkwürdigen Beigeschmack hat. Denn man kann all dies auch als ein Plädoyer dafür lesen, dass man seine persönlichen Bedürfnisse, denen der Familie und der Gemeinschaft unterordnen soll, um ein erfülltes Leben zu führen. Und ist nicht der allgegenwärtige Sand die Moderne, welche droht die traditionelle Familie und die „gute alte Zeit“ zu begraben und in Vergessenheit versinken zu lassen? Liest man den Film auf diese Art und Weise, bekommt er – je nach eigener Lebensanschauung – einen unangenehmen, reaktionären Touch.
So sehr ein gewisses Pflichtgefühl eine durchaus gute Tugend ist und so schön auch das Ende geraten ist, so zwiespältig bleibt man doch auch zurück.
Beim Verlassen des Saales traf ich Norbert Paffenbichler wieder. Denn im Anschluss an „Sanding Dreams“ sollte am selben Ort die zweite Weird-Xperience-Vorstellung auf dem diesjährigen Filmfest stattfinden. Noch einmal „2551.03 – The End“ mit mir als Moderator der Q&A. Ein drittes Mal (ich hatte den Film ja auch bereits in Rahmen der Sichtungskommission „Innovation“ gesehen) habe ich ihn mir dann aber nicht mehr angeschaut. Stattdessen habe ich mich mit Regisseur Norbert Pfaffenbichler sehr nett im Foyer unterhalten. Und nach dem Film haben wir uns weiterunterhalten und als „guter Gastgeber“ habe ich ihn danach sicher durch den Werder-Fan-Mob der gerade sehr exzessiv den Sieg über den HSV „feierte“ zum Parkhotel gebracht, wo die Filmfest-Gäste untergebracht waren. Das lag auch so halbwegs auf dem Heimweg. Ein intensiver und auch schöner Tag.











THE WINTER OF THE CROW
2551.03 – THE END
Das Filmfest Bremen ist nun schon wieder zwei Monate her. Aufgrund anderweitiger Verpflichtungen bin ich aber bislang nicht dazu gekommen, diese wundervolle Veranstaltung – die mich in diesem Jahr wieder sehr begeistern konnte – noch einmal Revue passieren zu lassen. Wie immer begann das Filmfest Bremen mit seiner Eröffnungsgala am Mittwoch im Theater am Goetheplatz.








Währen der neapolitanische Schmuggler Luca (Fabio Testi) und seine Mitstreiter am traditionellen Tabakschmuggel festhalten, drängt eine neue, skrupellose Gruppierung aus Marseille auf den Markt und will den deutlich profitableren Drogenhandel etablieren. Der Konflikt zwischen alter Ordnung und neuer Profitlogik führt zu Verrat, Gewalt und persönlichen Tragödien. Luca sieht sich zunehmend isoliert und muss entscheiden, ob er seine Prinzipien bewahrt oder sich den veränderten Machtverhältnissen beugt.





Im Sommer war ich mit meiner Familie drei Nächte in Potsdam. Für uns alle war es der erste Besuch dort, und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Eine Stadt wie ein Museum. Irgendwann schaut man gar nicht mehr auf die prachtvollen Fassaden, Villen und Paläste, sondern versucht, irgendwo ein ganz normales Haus zu finden – was erstaunlich schwer ist. Alle touristischen Hotspots haben wir nicht geschafft, beschlossen aber schon, den Besuch im nächsten Jahr zu wiederholen. Eine wunderschöne Stadt.





















Pünktlich zum Fest ist die neunte Ausgabe des von mir als Chefredakteur betreuten Magazins „70 Millimeter“ erschienen. Dieses beschäftigt sich mit der Filmgeschichte von 1966 bis 1979.
Die geschickte Diebin Mary Read wird verhaftet, als sie gerade als Edelmann verkleidet versucht, eine reiche Dame zu bestehlen. Sie wird in eine Zelle mit dem Sträfling Peter Goodwin geworfen, der ihre Maskerade schnell durchschaut. Die beiden verlieben sich, doch dann wird Goodwin von seinen Freunden aus dem Gefängnis geholt. Er ist nämlich ein Lord, der durch einen unglücklichen Zufall dort landete. Mary bekommt davon nichts mit, kann aber mit einem spektakulären Ausbruch entkommen. Als sie inkognito versucht, Peter zu entlasten, erfährt sie, dass er nicht nur ein reicher Lord ist, sondern sie auch vor seinen Freundinnen verspottet. Wutentbrannt heuert sie auf dem Schiff des Piratenkapitäns Poof an. Als dieser verstirbt, übernimmt sie seinen Platz und auch seinen Namen. Auch Peter verschlägt es zur See, denn durch die Flucht zur Marine versucht er, einer Hochzeit mit einer unattraktiven Dame zu entgehen. Seine erste Mission dort ist es, den Piratenkapitän Poof unschädlich zu machen…
Und nun der letzte Tag in Oldenburg, den ich dann wieder allein bestritt.



Dies war ein sehr starker Abschluss eines generell exzellenten Jahrgangs in Oldenburg. Vielleicht sogar einer der besten, an dem ich in den letzten 16 Jahren teilhaben durfte. Danke dafür an alle Beteiligten. Allen voran Festivalleiter Torsten Neumann, der wieder ein ganz besonderes und atmosphärisches Festival auf die Beine gestellt hat. Ich ziehe meinen Hut. Dies tue ich auch vor der gesamten Organisation, die diesmal wirklich wie am Schnürchen funktionierte, den vielen netten und entspannten Mitarbeitern sowie den zahlreichen Filmemacherinnen und -machern, die allesamt höchst informative und sympathische Q&As abhielten. Danke für die gute Zeit mit meinen Mitstreitern, für die großartigen Begegnungen und Gespräche. Es war einfach schön, und ich freue mich schon auf die Ausgabe 33!