Am dritten Tag hatte ich auf dem Internationalen Filmfest Oldenburg wieder Begleitung. Stefan und Holger gestellten sich dazu. Den ersten Film schaute ich allerdings allein. Im Vorfeld war ich von Regisseur Boris Mojsovski angeschrieben worden (seltsamerweise über meine Weird-Xperience-Adresse), sich für meine Vorabberichterstattung bedankt und seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, dass ich mir seinen Film auch im Kino anschauen würde. Ursprünglich hatte das gar nicht in meinen Guck-Fahrplan gepasst, aber dadurch, dass ich diesen aufgrund der ausverkauften Vorstellung von „Big Daddy’s Flowers“ umwerfen musste, passte es dann doch. Was mich im Nachhinein sehr freute.
FOREIGN TONGUE ist eine erfrischende Mischung aus RomCom und Hinweis auf soziale Ungerechtigkeit und Vorurteile. Mit einem Hauch von Fantasy. Wobei die das Leiden der Protagonistin auf einer realen Krankheit beruht. Tatsächlich ist es in sehr seltenen Fällen schon passiert, dass jemand aus einem Koma erwacht ist und plötzlich in einer ihm fremden Sprache kommunizierte.
Der Kanadierin Kathy geschieht ähnliches. Die junge Frau lebt ein ziemlich einsames und leeres Leben. Sie hat zusammen mit ihrer Schwester eine Personalagentur. Aber das ist schon so ziemlich einzige Kontakt, den sie zu anderen Menschen hat. Sie versucht über Online-Dating einen Partner zu finden, doch dies erweist sich als ziemlich katastrophal. Mittlerweile hat Kathy auch einen Hang zum Zynismus und ein mittelschweres Alkoholproblem entwickelt. Letzteres sorgt dafür, dass sie bei einer bizarren Speed-Dating-Party mit dem Kopf an eine Tischkante schlägt und ins Koma fällt. Als sie aufwacht, spricht sie mit einem starken bosnischen Akzent.
Auf einmal wird Kathy damit konfrontiert, was es heißt, fremd in einem Land zu sein. Als Schutzengel steht ihr die Schauspielerin Visnja zur Seite. Einst in ihrem Heimatland ein gefeierter Filmstar, nun in Kanda Putzfrau im Krankenhaus. Sie führt Kathy in die Community der Migranten ein, wo diese sich den Namen „Emila“ gibt. Kathy fühlt sich dort wohl, hat erstmals ein Umfeld, indem Menschen füreinander einstehen, Gefühle und eine Geschichte haben. Vor allem lernt sie hier aber David kennen. Einen gutaussehenden, sympathischen und reichen Kanadier, der eine Filmprojekt durchführt, mit dem er die Community unterstützt.
Dieser Teil des Drehbuchs ist einerseits der schwächere, denn die „Märchenprinz“-Ebene unterstreicht zwar den magischen Anteil des Filmes, wirkt andererseits dann auch wie das Klischee eines billigen Liebesromans. David ist dann aber auch die Figur, die den „Comedy“-Anteil ins Rollen bringt. Denn Kathy tut nun alles, um vor David nicht aufzufliegen, da dieser eine große Faszination für die ihm fremde Community und vor allem die „Bosnierin“ Kathy entwickelt hat. Dieser Teil ist dann auch recht vorhersagbar.
Ganz anders sieht es aus, wenn der Film sich der Community und den Teilnehmer*innen eines Kurses zur korrekten englischen Aussprache zuwendet. Hier sind die Figuren bunt und bekommen die Möglichkeit zu glänzen und ihre Geschichte zu erzählen. Wie schwer es ist, akzeptiert zu werden, wenn die Sprache einen als jemanden aus einem „zweitklassigen“ Land verrät.
Die wunderbarste und intensivste Szene gehört dann auch dem iranischen Ingenieur Faroukh (gespielt von Cas Anvar), der in seinem Heimatland Brücken baute und weltweit ein gefragter Spezialist war – nun in Kanda aber wieder zur Schule gehen soll, um eine Hilfstätigkeit annehmen zu müssen. Ihm gehört eine großartige Solo-Szene, in der all die Frustration, die Zurückweisung, das Kleinmachen, Nicht-Anerkennen und der alltägliche Kampf mit Rassismus aus einem verzweifelten Faroukh hrvorbricht.
Eine ähnlich starke Szene wird Visnja gegeben, die bei einem Vorsprechen die Verantwortlichen zu Tränen rührt, dann aber der dann doch lieber genommenen kanadischen Schauspielerin beibringen soll, wie die Rolle zu spielen sei. Diese harten Themen werden in eine wunderbare Herzlichkeit gepackt, die aus dem Film heraus auf das Publikum überspringt.
Hervorheben muss man hier auch die fabelhafte Kimberly-Sue Murray, die Kathy so brillant spielt, dass man sich einfach in sie verlieben muss und mit ihr mitfiebert. Murray ist das Zentrum und das Herz des Films, die anderen großartig aufspielenden Schauspieler*innen der Körper. Hier muss man unbedingt auch Cynthia Ashperger erwähnen, die unter ihrem Geburtsnamen Cintija Asperger im früheren Jugoslawien als Schauspielerin gearbeitet hatte und auch die Idee für den Film hatte, sowie am Drehbuch mitschrieb. Hier sollte auch noch erwähnt werden, dass auch Regisseur Boris Mojsovski ursprünglich aus Bosnien stammt und selber Erfahrungen damit hat, wie es ist, in einem neuen Land Fuss fassen zu müssen.
Ein sehr schöner Film, der das Herz berührt und zum Schmunzeln anregt. Und über dessen realen Hintergrund man noch länger nachdenkt. Völlig zurecht gewann er dann auch den Publikumspreis des Filmfests.



Das Genre des Gefängnisfilms folgt oftmals bestimmten Formen und Mustern. Daher zählt es nicht unbedingt zu meinem Lieblingsgenres. Ausnahmen bestätigen immer wieder die Regel, trotzdem hätte BRUTON nicht unbedingt oben auf meiner Liste gestanden, wenn Regisseur Vincent Grashaw nicht im Vorjahr den sehr guten KEEP QUITE in Oldenburg gezeigt hätte. Hier bewies Grashaw bereits sein Talent lebensechte Figuren und Milieus zu inszenieren. Und auch bei BRUTON gelingt ihm dies wieder.
BRUTON erzählt die Lebensgeschichte von Bryan Bruton, der sich eine kleine Karriere mit Rauschgifthandel aufgebaut hat. Als die Tochter einer kriminellen Familie, die er mit Drogen versorgt, behauptet von ihm schwanger zu sein, kommt es zum Konflikt, bei dem es ein Todesopfer gibt und Bruton für mehrere Jahre im Knast verschwindet. Hier braut er sich ein erfolgreiches Schatten-Unternehmen auf, doch dies weckt Begehrlichkeiten bei der herrschenden Knast-Clique, was zu einer tödlichen Auseinandersetzung führt und in Bruton die Erkenntnis weckt, dass er um zu Überleben schnell raus muss. So schmiedet er einen Fluchtplan, bei dem eine der Wärterinnen eine entscheidende Rolle einnimmt.
Grashaw erzählt in seinem Film mehrere Geschichten, die aber perfekt ineinander gewoben wurden und dem Film zum Vorteil gereicht. Denn immer, wenn man aufgrund der vielen Gefängnisfilme, die man so gesehen hat, denkt, man weiß, wie der Hase läuft und was als nächstes passiert, ändert sich die Richtung und der Ton. Erzählt der Film erst in durchaus leichtem Ton, wie Bruton mit ein paar Freunden dem System ein Schnippchen schlägt und sozusagen erfolgreicher Unternehmer wird, so wird es nach einem tödlichen Zwischenfall sehr viel düsterer.
Wenn Bruton dann seinen Fluchtplan schmiedet und umsetzt, führt dies zu einigen bizarren-schwarzhumorigen Situationen. Doch wenn Bruton dann wieder im Gefängnis ist und das System mit voller Härte zuschlägt, dann leidet man mit Bruton mit, ist der Film eine kraftvolle Anklage gegen das Gefängnis- und Justizsystem in Florida. Brutons Hauptanliegen ist es, seine geliebte Tochter sehen zu dürfen. Doch dies wird ihm verwehrt. Bruton kämpft im Gefängnis dafür, seine mittlerweile 17jährige Tochter außerhalb. Die Verzweiflung, die beide immer wieder überkommt, ist praktisch fühlbar und großes, intensives Kino.
Theo Rossi spielt Bruton so authentisch, dass man Mühe hat, Schauspieler und Rolle auseinanderzuhalten. Hervorzuheben ist auch, dass die Figur des Bruton nicht eindimensional gezeichnet wird, sondern wirkliche Tiefe hat und im Rahmen der Handlung auch dazulernt und eine Wandlung durchmacht. Nein, Bruton ist kein unschuldig im Knast gelandeter Engel. Er nutzt beispielsweise skrupellos die Einsamkeit einer seiner Wärterinnen aus, um zu bekommen, was er braucht. Tammy Blanchard verleiht dieser verlorenen Seele viel Persönlichkeit, mit der man mitleidet und nur allzu gut versteht, weshalb sie auf Bruton reinfällt und welche traurigen Sehnsüchte in ihr schlummern.
Zum Screening waren nicht nur Vincent Grashaw mit seinem Produzenten zu Gast, sondern auch der echte Bryan Bruton! Da war es natürlich hochspannend, was er der charismatische Mann (der so ganz anders aussieht als sein schauspielerisches Double) so alles zu erzählen hatte.

Produzent, Vincent Grashaw, Bryan Bruton, Moderatorin


Nach der schweren Kost ging es rüber ins Casablanca, wo der neue Quentin Dupieux auf der Speisekarte stand. Auf dem Weg dorthin kamen wir am Pferdemarkt an einem Autokino vorbei, in dem DEATH PROOF vom anderen Quentin gezeigt wurde. Das war natürlich im Rahmen der Zoe-Bell-Retro und vom Filmfest Oldenburg organisiert. Ganz große klasse! Und es wurde auch zahlreich genutzt. Imbiss-Stände waren auch aufgebaut. Eine ganz tolle Aktion, wie man sie glaube ich nicht nur vom Filmfest Oldenburg erwarten kann.


FULL PHIL entpuppte sich wie erwartet als typischer Dupieux-Wahnsinn. Prominent besetzt mit Woody Harrelson und Kirsten Stewart. Beide hatten offensichtlich Spaß an ihren Rollen als Vater und Tochter auf „Annäherungskurs“ in einem Pariser Luxushotel. Das heißt „L’Argento“ und einer der Angestellten dort trägt eine Namensplakette auf der „Dario“ steht. Nebenbei sieht sich Kirsten Stewart einen trashigen Schwarz-Weiß-Creature-Feature, welches ebenso bizarr wie das ist, was sich im Hotel „L’Argento“ zuträgt.
Man sollte hier nicht zu viel verraten, um den Spaß nicht zu verderben. Denn eine der Hauptfreuden ist es, ständig mit großen Augen „WTF!“ zu denken. Alles drin: Paranoia, Body-Horror, Drama und Pümpel. Großartig: Die mir vorher unbekannte Charlotte Le Bon als fürsorgliche Hotelangestellte, die aufpasst, dass der von Woody Harrelson gespielte Vater nicht gewalttätig wird. Die kurzen 78 Minuten rasen nur so vorbei.
Als wir aus dem Kino kamen, war das Autokino und alle Spuren davon schon restlos verschwunden. Das nötigte uns dann noch einmal ordentlich Respekt ab. Durch die Nacht ging es dann zurück nach Bremen.
Trotz eines enormen Verkehrschaos durch einen auf der B6 abgebrannten LKW und dem damit verbundenen Problem aus Bremen rauszukommen, schaffte ich es am Freitag über Schleichwege pünktlich nach Oldenburg im cineK Studio.

Regisseur Zachary Aaron Nichols ist kein gelernter Filmemacher. Er ist bildender Künstler und drehte



Spätestens im August fängt das Kribbeln an, denn das Internationale Filmfest Oldenburg wirft dann langsam seine Schatten voraus. Dann werden die ersten Filme angekündigt, man setzt sich mit dem diesjährigen Programm auseinander und wenn dann endlich der Timetable da ist, beginnt die kunstvolle Zusammenstellung des eigenen Fahrplans. Welcher dann in sich zusammenfällt, wenn eine der geplanten Vorstellungen dann doch ausverkauft ist.






Carol Hammond (Florinda Bolkan), eine wohlhabende Londonerin, wird von verstörenden Träumen und sexuellen Fantasien geplagt, in denen sie ihre freizügige Nachbarin Julia erlebt. Als Julia eines Tages ermordet aufgefunden wird, gerät Carol unter Mordverdacht. Sie kann sich an die Tat nicht erinnern und beginnt zunehmend, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Während die Polizei ermittelt, vermischen sich Traum und Wirklichkeit immer stärker, bis eine überraschende Wendung die wahren Hintergründe des Mordes enthüllt.



Big Daddy’s Flowers, USA 2026, Matthew Osubor (Weltpremiere)




Die japanische Polizistin Sho-Ko (so zumindest in der deutschen Fassung) versucht auf den Philippinen, einer Gangsterbande das Handwerk zu legen. Diese plant die Entführung eines Geschäftsmannes. Gleichzeitig will ein Hard-Boiled-Polizist Rache für die Ermordung seiner Ehefrau nehmen.
In Rom werden immer wieder Frauen mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Um sie herum verstreut liegen Fotos, die die verheirateten Damen beim Ehebruch zeigen. Bei dem psychopathischen Mörder scheint es sich also um jemanden zu handeln, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, untreue Frauen der feinen Gesellschaft ins Jenseits zu befördern. Inspektor Capuana ermittelt, kann aber den nächsten Mord nicht verhindern.


























Danach gab es eine leckere Pizza bei Vera Delizia, die so riesig war, dass ich fast „Bayaan“ im City46 verpasst hätte. Tatsächlich kamen wir an, als der Film gerade eben begonnen hatte. Leider war das Bild auf der Leinwand in diesen ersten Minuten sehr dunkel. Und erstmals wurde mir bewusst, wie vollkommen die Dunkelheit in einem Kinosaal sein kann. So stolperte ich mehr oder weniger, immer eine Hand an der Wand, nach vorne. Völlig ohne Orientierung, wo denn die Reihen anfangen und ob da überhaupt Menschen sitzen. Auch eine Erfahrung. Irgendwann entschieden wir uns dann für eine Reihe, scheuchten einige Leute auf, ich trat aus Versehen und blind auf den einen oder anderen Fuß, dann ließ ich mich endlich im Kinosessel nieder. Als das Bild auf der Leinwand heller wurde, konnte man deutlich sehen, dass alle Reihen vor uns leer waren. Man hätte also nur einen Meter weiter gehen müssen und hätte sich das Spektakel erspart. Na ja…








